31. Juli 2016 Wolfgang

Walser Ultra Trail 2016

Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt: Statt Sonne knallt mir der Regen ins Gesicht, aus den 31 Grad des Vortages sind nur noch 13 geworden und warum zucken meine Beine so komisch? In mir breitet sich Frust aus, dabei sollte es doch Freude sein – aber erstmal zurück auf Start.

Ich stehe im Start- und Zielbereich des Walser Ultra Trails. Bei der gelungenen Premiere im vergangenen Jahr kam ich hier an und war mir sicher, so etwas nie wieder auf mich zu nehmen. Allerdings vergesse ich deutlich schneller als ich laufe. Diese Trail-Amnesie verdanke ich vermutlich dem unbeschreiblich schönen Gefühlscocktail, der sich nach einer großen Anstrengung innerlich ausbreitet: Erschöpfung, Glück, Zufriedenheit.

Das Startsignal reißt mich um exakt 6 Uhr aus meinen trailosophischen Gedanken. Aufgrund der angekündigten Gewitter wurde der Ultra auf 60 Kilometer und 3.800 Höhenmeter verkürzt. Laut Karte geht es einmal ums Kleinwalsertal, laut Gefühl geht es um so viel mehr: Um das Ausloten der eigenen Grenzen, um das Überwinden widriger Umstände und um das Erkennen des eigenen Selbst. Vor allem aber geht es jetzt erstmal eines: Los.

Vom Start in Riezlern führt die Strecke zunächst über eine Hängebrücke und eine Naturbrücke ins Wäldele. Die Verniedlichungsform ist aber unangebracht, denn hier beginnt der erste große Anstieg zum Gottesackerplateau, einer einmaligen Karstlandschaft auf 2.000 Metern Höhe, deren tiefen Spalten den Lauf kurzzeitig zum Hindernislauf machen.

Trotz einsetzendem Regen, lässt sich die kuriose Gestalt des Hohen Ifen gut erkennen. Der Gipfel, der sich im Laufe der Jahrtausende scheinbar gelangweilt auf die Seite gelegt hat, überragt das Plateau um gute 200 Meter. Nach dessen Überschreitung beginnt der lange Downhill hinab ins Tal zur Auenhütte, der ersten großen Verpflegungsstation bei Kilometer 22.

Der Regen macht einige Teile der Strecke nur schwer laufbar, aber wenn es einfach wäre, würde es ja jeder machen. Folglich interpretiere ich die kopfschüttelnden Blicke einzelner Wanderer als aufmunternde Zustimmung. Anschließend steht der zweite große Anstieg über 800 Höhenmeter zum Walmendinger Horn an.

Ein Höhenweg führt mich von dort weiter hinauf zum Grünhorn, der folgende Abstieg nach Baad entschädigt normalerweise mit grandiosen Ausblicken auf den Großen Widderstein, den mit 2.553 Metern höchsten und markantesten Berg des Kleinwalsertals. Heute freue ich mich stattdessen, dass es gerade mal nicht regnet.

Die Verpflegungsstelle in Baad läutet bei Kilometer 36 die inoffizielle zweite Hälfte des Walser Ultra Trails ein. Trotz Regen, Matsch und Pfützen bin ich für meine Verhältnisse flott unterwegs und im vorderen Drittel der ca. 150 gestarteten Läufer. Es folgt der dritte lange Anstieg des Tages hinauf zur Widdersteinhütte. Mit so viel Anlauf sollte der ja gut zu schaffen sein, aber mein Körper ist gänzlich anderer Meinung.

Unterversorgt und unterkühlt beginnt hier für mich der qualvolle Teil des Tages. Im Wandermodus zieht ein Läufer nach dem anderen an mir vorbei und ich nehme mir vor, die Worte ‚Laufeinteilung‘ und ‚Wettkampfernährung‘ ernster zu nehmen. Das kommt also davon, wenn das ganze Blut in den Beinen und nicht im Kopf ist. In mir breitet sich der eingangs erwähnte Frust aus – irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt.

Die nun beginnende, aufgrund der Gewitterwarnung modifizierte Strecke führt mich durchs Gemsteltal hinab Richtung Mittelberg. Immer wieder höre ich aufmunternde Worte entgegenkommender Wanderer sowie Anfeuerungsrufe und Beifall beim Passieren der vielen Almen. Ich würde ja gerne schneller laufen, aber ich kann nicht. Ein Lächeln zaubern mir vor allem meine Freunde Ralf, Maria und Peter ins Gesicht, die mich den ganzen Tag über begleiten – herzlichen Dank dafür!

Einer der wenigen nicht alpinen Teile der Strecke führt zur letzten Verpflegungsstelle an der Oberen Wiesalpe. Zwischen dem Ziel in Riezlern und mir liegt noch ein fieser Anstieg. Der hat zwar nur 300 Höhenmeter, aber die gilt es in Form einer schlammigen Skipiste zu überwinden. Für meinen Zustand zu viel, aber jetzt sind es nur noch 2 Kilometer bis ins Ziel. Also ein letztes Mal zusammen reißen und so laufe ich nach knapp 12 Stunden im Kurpark von Riezlern ein.

Zur allgemeinen Überraschung von Niemandem ist die Stimmung dort noch immer toll. Jeder Läufer wird bejubelt und beklatscht, den Zuschauern ist sicherlich bewusst, dass viele Teilnehmer nur gegen und zugleich für sich selbst laufen, weniger um Zeiten und Platzierungen.

Dementsprechend groß ist die Freude, es geschafft zu haben und im Idealfall auch noch genossen – bei letzterem sehe ich bei mir noch Verbesserungspotential. Vermutlich ein klassischer Fall von Spaß zweiten Grades: Hinterher ist es deutlich schöner als währenddessen. Dennoch: Ich bin erschöpft und zufrieden, mir aber auch sicher, dass ich so eine Anstrengung nicht nochmal auf mich nehmen werde – bis dann im nächsten Jahr wieder das Murmeltier grüßt…

 

Bilder

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Strecke

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