16. April 2016 Wolfgang

Alpinskifahren – Herz gegen Kopf

Ich hatte noch eine Tageskarte für das Nebelhorn. Dort ist morgen der letzte Skitag der Saison. Die einfache Frage, ob ich sie verfallen lassen oder einlösen soll, stilisierte sich zur Frage aller Fragen: Herz oder Kopf? Ja, ich weiß: Das klingt alles furchtbar dramatisch. Dabei war es vor allem furchtbar. Aber der Reihe nach.

Nachdem ich im Januar das gefühlte Bruttoinlandsprodukt von Namibia in ein komplettes Tourenski-Set investiert hatte, bekam ich als ‚Dankeschön‘ eine Tageskarte für das Nebelhorn. Über den Sinn oder Unsinn eines Liftpasses, beim Kauf von Ski, um eben diesen Lift-Wahnsinn zu umgehen, will ich mich gar nicht beschweren. Einem geschenkten Gaul schaut man schließlich nicht auf die Hufen.

Das Ganze wurde ohnehin nebensächlich, weil ich sofort völlig begeistert vom Tourengehen war und in meinem ersten, gar nicht mal so weißen Winter, recht anständige 26 Skitouren unternommen habe. Es ist aus meiner Sicht die beste Art und Weise den Winter in den Bergen zu verbringen. Punkt.

So dachte ich auch gar nicht mehr daran, dass ich noch den Skipass habe, bis ich vor einer Woche erfuhr, dass die Lifte am Nebelhorn am 17.04.2016 zum letzten Mal in dieser Saison geöffnet haben. Erst dann wurde mir bewusst, dass ich den Gutschein entweder am Wochenende einlösen oder ihn verfallen lassen muss.

Der heutige Samstag bot sich schließlich als scheinbar perfekter Tag an: ich war im Allgäu, hatte noch nichts geplant, unter der Woche gab es noch ein bisschen Schnee und der Wetterdienst meiner Wahl prognostizierte 10 Stunden Sonnenschein am Nebelhorn sowie Regen am Sonntag.

Nun bin ich niemand, der sich blind auf irgendwelche Prognosen eines beliebigen Wetterdienstes verlässt. Dennoch gelang es meteoblue mich in dieser Woche sehr von sich zu überzeugen. Jedes Gewitter und jede sonnige Minute wurde exakt so angekündigt, wie es dann auch eingetroffen ist. Ihr ahnt schon, wo das hinführt, oder?

So machte ich mich heute um 7 Uhr also auf nach Oberstdorf. Nicht, weil ich besonders große Lust darauf hatte oder weil es mich wie von selbst dorthin zog, wie ich es sonst empfinde wenn ich in die Berge gehe, sondern weil sämtliche objektiven Entscheidungskriterien dafür sprachen.

Am Parkplatz der Nebelhornbahn angekommen, musste ich erst mal 6 Euro in Münzen auftreiben, um den Parkautomaten zu füttern. Immerhin sollte ich 3 Euro durch das Ticket wieder zurückbekommen und die Sonne schien und ich war jetzt da, also was soll’s.

Die Fahrt mit der Bahn verlief ereignislos, am Höfatsblick angelangt ging es direkt in den ersten Sessellift hoch zum Koblat. Noch vor der ersten Abfahrt galt der gesperrten Strecke hoch zum Nebelhorn mein Augenmerk: Gab es irgendeine Möglichkeit, dort hoch zu laufen? Mein Instinkt wollte also direkt flüchten.

Also fragte ich zwei Bergbahn-Angestellte, ob es eine gute Idee sei, das Nebelhorn zu erklimmen. Den ruppigen Hinweis, dass die Bahn zu sei, konterte ich indem ich auf meine Tourenski deutete. „Dann geh‘ halt hoch!“ Ah, toll, danke für die fachmännische und differenzierte Einschätzung der Lage.

Ich fuhr die Piste noch zweimal in je 2 Minuten ab – mit mäßiger Freude, angesichts der vielen anderen Skifahrer und des schlechten Schnees – und in 5 Minuten mit dem Lift wieder hoch. Zum Glück hatte ich den Helm auf, sonst hätte mir der Überkopfbügel des Liftes schon das erste Trauma des Tages verpasst.

Traumatisch waren auch die Unterhaltungen, die ich im Lift aufschnappte. Normalerweise gibt mir mein Puls den Beat vor, heute waren es Erste-Welt-Probleme in schwäbischem Dialekt, unterbrochen von dem Piepsen der Streckenfahrzeuge.

Irgendwie passte das alles nicht für mich zusammen. Als mich der Lift ein drittes Mal hochgebracht hatte, fellte ich am Koblat auf und machte mich auf den mit Schneeraupen zerfahrenen Weg in Richtung Gipfelstation.

Inzwischen hatte sich der strahlende Sonnenschein über ein bedrohliches Dunkel hin zu einem lupenreinen Whiteout gewandelt. Der Name Nebelhorn kommt wohl nicht von ungefähr. Ich wusste weder so genau wo ich war, noch wie weit es noch zum Gipfel war. Der zerfahrene Schnee war inzwischen einer dicken Schicht aus Matsch und Erde gewichen, an Skifahren war hier nicht zu denken.

Also drehte ich schweren Herzens um und fuhr – bei 15 Metern Sichtweite – zum Höfatsblick. Sollte es das schon gewesen sein? Nein, ich fuhr noch mal die Sonngehren-Abfahrt, um mir beim Einstieg in den Lift die Wade von eben diesem ramponieren zu lassen. Jetzt also konnte ich ruhigen Gewissens aufhören!

Ich fuhr mit der Bahn zurück ins Tal. Es roch nach Bier und Zigaretten und war somit der passende Ausklang für diesen Vormittag, den mir mein Kopf so ganz anders aufgezeichnet hatte und von dem mein Herz noch nie so richtig überzeugt war. So fühlt sich es also an, wenn man nicht in die sunk cost fallacy tappt und schon zur Hälfte aus dem Kinofilm rausgeht.

Ich lachte. Nach meiner letzten, wunderschönen Skitour hatte ich es noch nicht fertig gebracht, die Ski endgültig weg zu packen. Zumindest das hat heute dann völlig problemlos geklappt.

 

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