22. August 2015 Wolfgang

#4T10HAG – Tag 2

„Ralf! Schnell, wach auf! Ich habe geschlafen! Ich habe geschlafen!“ Euphorie pur. Zwar war die Nacht kalt und nicht lang, aber ich habe für ein paar Stunden die Äuglein zu gehabt. Wanderer, was willst Du mehr? Ein schnelles Frühstück und schon machten wir uns wieder auf die Socken.

Das Loslaufen fiel überraschend leicht, was einerseits an der guten Nacht gelegen haben könnte, andererseits aber vielleicht auch daran, dass uns einer der schönsten Abschnitte unserer Tour erwartete. Zumindest so lange, bis wir den Verbindungsweg zur Kemptner Hütte verlassen mussten, um zur Spiehlerscharte aufzusteigen. Ziel: Marchspitze.

Die Marchspitze war der einzige Gipfel der 10HAG, den zuvor noch keiner von uns bestiegen hatte. Dementsprechend angespannt gestaltete sich auch der Aufstieg, wusste doch keiner was er zu erwarten hatte. Eine Wegmarkierung gibt es auf dem selten bestiegenen Gipfel nicht. Ab und an wies lediglich ein Steinmännchen den Weg, der anfangs sehr steil und lose war.

Am Gipfelaufbau angekommen zeigte sich, dass die Wegfindung über Erfolg oder Misserfolg entscheiden würde. Zum Glück hatte Artur sich gut eingelesen und wusste daher, welche Rinne machbar war und welche nicht. Tipp: Die Rinne, die deutlich fieser aussieht ist letztlich einfacher zu machen, als die harmlos aussehende. Artur, das mit der Bolo sei Dir verziehen. Der Ausstieg aus der Rinne entpuppte sich als Schlüsselstelle (II+), dennoch hielt die ungewisse Wegführung noch eine Überraschung für uns parat.

Als wir nämlich schon auf dem Gipfelgrat standen und das Kreuz sehen konnten, war für uns noch immer nicht ersichtlich, wie wir dorthin kommen sollten. Ralf kletterte wild am Grat entlang, ich buchte innerlich schon mein Rückflugticket, doch Artur entdeckte auf einmal den Weg. Ausgesetzt und auf Geröll läuft man die letzten Meter unterhalb des Grates entlang zum Gipfel. Nicht schön, aber machbar. Endlich auf dem siebthöchsten Allgäuer (2.610 Meter) angekommen, genossen wir den traumhaften Rundumblick und ich baute vor Freude ein Steinmännchen. Soweit zumindest die offizielle Version.

Diesmal gestaltete sich der Abstieg unproblematischer als gedacht, wenn auch nicht ohne. Viel loses Geröll und eine Abfahrt von der Spiehlerscharte später erreichten wir dann wieder den normalen Weg und freuten uns ein imaginäres Schnitzel, das wir auch augenblicklich imaginär aßen. Weiter ging’s zum höchsten Allgäuer, dem Großen Krottenkopf. Größer hätte der Unterschied zur selten begangenen Marchspitze kaum sein können, pilgern hier doch zahlreiche Flip-Flop-Touristen hoch.

Folglich ist der höchste Punkt des Allgäus (2.657 Meter) kein Ort der Stille und Ruhe, sondern eher das Gegenteil, was auch immer das genau ist. Kurze Gipfelrast, die obligatorischen Beweisbilder geschossen und schon ging es wieder runter. Während Artur und ich zahllose Touris überholten, lieferte sich Ralf gleich ein Wettrennen mit einem überambitionierten Vollhorst, das Ralf klar für sich entschied und sich auch selbst entsprechend feierte.

Auf dem Weg zur Kemptner Hütte kamen wir noch unmittelbar am Muttlerkopf vorbei, was für uns eine zusätzliche Besteigung bedeutete. Die 350 Höhenmeter zogen sich allerdings noch ganz ordentlich, dafür ist die Aussicht sensationell. Und auch der Blick ins Gipfelbuch war wie immer lohnend: Von den K33PERS OF THE TRAIL bis zu dem Hochzeitspaar im passenden Outfit war alles vertreten. Noch einmal tief Luft holen, bevor es hinab zur Kemptner Hütte ging.

Diese präsentierte sich vollkommen und restlos aus- und überbucht und somit stand für uns schon fest, dass eine Nacht im Notlager auf uns wartete. Hätte ich nicht so eine flache Läufer-Hühnerbrust wäre sogar noch ein Zimmer drin gewesen, wie wir an zwei Mädels sehen konnten, die sich sämtlicher Reize bedienten, um den Hüttenwirt zu überzeugen. Schlimm: Es gelang ihnen. Und wo ist eigentlich der/die Gleichstellungsbeauftragte/r wenn man ihn/sie mal braucht?

Innerlich hatten wir uns also schon damit angefreundet, auf dem Fußboden des Gastraums nächtigen zu müssen. Aber schlimmer geht ja bekanntlich immer. Im Sinne von ‚deutlich schlimmer‘. Der Wirt führte uns in einen umliegenden Stall (!), zeigte auf ein paar abgesiffte Matrazen (!!) und feuchte, stinkende Decken (!!!) – voila, unser Nachtlager war angerichtet. Selbst Artur und Ralf zogen bei diesem Anblick ihre Augenbrauen nach oben – damit hatten wir nicht gerechnet.

Aber rechnen war ein gutes Stichwort, denn schließlich ging es nun darum, die Nacht möglichst kurz zu gestalten. Also noch kurz zum Telefonieren gelatscht (500 Meter Fußweg mit Hüttenschuhen), erst mit der Hüttenruhe um 22 Uhr in den Stall gegangen und den Wecker auf 4 Uhr gestellt. Im Nachtlager angekommen, dachte ich zu Träumen, aber doch nicht etwa weil ich schlief, oder?

Bilder

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Strecke

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