2. August 2015 Wolfgang

Walser Ultra Trail

Den gestrigen Tag in Wort zu fassen, kann eigentlich nur schief gehen. Aber wie beim Laufen – und im Leben allgemein – gilt auch hier, dass man das scheinbar Unmögliche versuchen muss, um das Mögliche zu erreichen. Also versuche es trotzdem mal.

Gestern war es also soweit: Der Walser Ultra Trail stand an und mit ihm die größte sportliche Herausforderung, der ich mich jemals gestellt habe. Schon am 1. Januar diesen Jahres habe ich mich dafür angemeldet – ein guter Vorsatz, wenn man denn so will.

Die Vorbereitung hätte nicht besser ‚laufen‘ können. Ich stand dieses Jahr auf schon fast 200 Gipfeln, habe 1.400 Kilometer und 85.000 Höhenmeter in den Beinen. Und auch die wunderbare Strecke des Ultras bin ich in zwei Etappen bereits gelaufen.

Klar ist aber auch: Ohne eine gute Vorbereitung kann ein solcher Lauf nicht gelingen. Gleichzeitig garantiert eine gute Vorbereitung aber auch nicht, dass er gelingt. Dafür kann auf 65 Kilometern und 4.200 Höhenmetern in alpinem Gelände einfach zu viel passieren.

Ich hatte mir im Vorfeld drei, klar priorisierte Ziele gesetzt: 1. Ich will meine Gesundheit nicht gefährden. 2. Ich will lächelnd ins Ziel kommen. 3. Ich will unter 13 Stunden brauchen. So weit, so gut.

Los ging’s um 6 Uhr in Riezlern im Kleinwalsertal. Die Unberechenbarkeit eines solchen Ereignisses zeigte sich leider schon gleich zu Beginn: Es regnete. Da bringt es auch nichts, dass die drei Wetterdienste meines Vertrauens trockene Bedingungen vorhergesagt hatten.

Nun lebe ich im Allgäu und kann meine Touren meistens sehr kurzfristig nach dem Wetter planen. Ergo bin ich noch nie über längere Zeit im Regen gelaufen und halte mich selbst auch nicht für ganz dicht – wasserdicht in diesem Fall. Ich würde es herausfinden.

Eingeleitet von ein paar Alphornbläsern machten wir uns also um 6 Uhr auf den Weg. Aufgrund der dichten Wolkendecke und des Regens waren die umliegenden Berge nicht zu sehen und die Wege sehr matschig.

So schlängelten wir uns zunächst durch das Wäldele und über das Gottesackerplateau mti seiner einmaligen Karstlandschaft. Das erste laute Lachen konnte mir Ralf entlocken, der mich beim Aufstieg zum Hohen Ifen mit Tröte und Kuhglocke in Empfang nahm. Toll!

Für die 12 Kilometer und 1.300 Höhenmeter bis zum Gipfel des Hohen Ifens benötigte ich 2:45 Stunden – genau wie geplant. Der Downhill zur Schwarzwasserhütte war äußert matschig, so dass der mit mir laufende Philip und ich gut aufpassen mussten, nicht zu stürzen.

Erst auf dem Schotterweg zur Auenhütte konnte ich Tempo machen und wurde dabei wiederum von Ralf auf dem Fahrrad begleitet. Wie er in dieser Zeit dorthin gekommen ist, bleibt mir auch einen Tag später noch äußerst schleierhaft.

Nach 4:15 Uhr kam ich schließlich an der Auenhütte an und wurde von Petra in Empfang genommen. Getränke auffüllen, eine Kleinigkeit Essen und weiter ging es in Richtung des Walmedinger Horns. Der Aufstieg zog sich, konnte aber durch eine nette Unterhaltung mit Nina angenehmer als gedacht gestaltet werden.

Auf dem Weg zum Grünhorn zeigte mir mein Magen zum ersten Mal seine unschöne Seite. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Dieses Mal bekamm ich es aber mit Atmung und Gehen wieder einigermaßen in den Griff, so dass ich gut am Grünhorn ankam.

Der Downhill nach Baad war besser zu laufen als gedacht und so war ich planmäßig nach gut 7 Stunden in Baad. Dort warteten nunmehr Ralf, Petra und Maria auf mich. Schon jetzt war klar, dass mein Support das Beste an diesem Tag sein würde.

Kurz umziehen, Essen, Trinken und weiter ging’s Richtung Widderstein. Den Weg bis zur Bärgundtalalpe begleitete mich Ralf noch auf dem Fahrrad, dann hieß es Abschied nehmen. Von nun an war ich auf mich alleine gestellt.

Zum Glück leistete mir auf dem 900 Höhenmeter langen Anstieg zur Widdersteinhütte wieder Nina Gesellschaft und so liefen wir ziemlich gut an der Verpflegungsstation ein. Das dies die Schlüsselstelle des Ultras für mich sein würde, ahnte ich noch nicht.

Kurz und knapp: Ich hatte wohl deutlich mehr Sauerstoff in den Beinen als im Kopf und habe einen halben Liter eines mir unbekannten ISO-Getränks zu mir genommen. Dieser Anfängerfehler sollte sich als fatal herausstellen.

Denn während Nina frisch gestärkt los lief, machte sich in mir ein komisches Gefühl breit. Erst Magen, dann Sodbrennen, dann Schluckauf, dann Übelkeit. Irgendwas stimmt schlagartig nicht mit mir. Hurra!

Aber auch das gehört zu einem Ultra dazu: Weitermachen, auch wenn einem nicht danach ist. Also machte ich mich auf den Weg zur Mindelheimer Hütte. Diese Strecke habe ich bei meinem Testlauf in einer guten Stunde geschafft – gestern brauchte ich dreimal so lang.

Und auch der Krumbacher Höhenweg zur Fiderepasshütte sollte eine einzig Tortur werden. An Laufen war nicht zu denken, die 350 Höhenmeter zum Saubuckel schienen unüberwindbar. Auch hier brauchte ich dreimal so lang, wie sonst.

Um Ziel Nr. 3 ging es schon längst nicht mehr, die 13 Stunden hatte ich schon bei der Fiderepasshütte fast erreicht. Ziel Nr. 1 schien haltbar zu sein, außer meinem Magen hatte ich keine größeren Beschwerden.

Also ging es ausschließlich um Ziel Nr. 2: Ankommen oder Aufhören. Kurioserweise stellte sich diese Frage für mich nicht. Zumindest jetzt, nach all den Strapazen, dem Regen, dem Matsch und überhaupt. Also weiter.

Der flowige Downhill war ein Trauerspiel, noch schlimmer nur die beiden matschigen Anstiege Richtung Kanzelwand. An dem See vorbei kam jetzt der abschließende Weg nach Riezlern – ein paar Kilomter mit massig Höhenmeter.

Und Philip kam. Eben jener sympathische Läufer, mit dem ich schon vor zehn Stunden den Downhill zur Schwarzwasserhütte hinter mich gebracht hatte. Und obwohl er noch deutlich fitter war als ich, beschloss er den Rest der Strecke „lieber in guter Gesellschaft als in schlechter Verfassung hinter sich zu bringen“. Top!

Also stiegen wir mehr wandernd als laufend hinab ins Tal, unterhielten uns über Gott und die Welt und lachten viel und laut. Vor einer Stunde hätte ich nicht gedacht, dass das möglich sein würde.

Als wir in Riezlern ankamen war es bereits dunkel, die umliegenden Berge waren zum ersten Mal gut zu erkennen, wenn auch nur ihre mächtigen und dunklen Umrisse. Wir hatten uns auf einen ‚slow walk-inn‘ geeinigt, warum so tun als könnten wir noch rennen, wenn es nicht so ist.

Dann der Knaller: Kuhglocken! Tröten! Johlen! Gröhlen! Ralf, Petra, Maria und Peter warteten auf uns und jubelten uns ins Ziel! Bei Dunkelheit! Nach 15:45 Stunden! Gänsehaut! Lachen! Glückseligkeit!

Philip und ich liefen Hand in Hand ins Ziel. Wir bekamen unsere Medailllen. Überall standen Helfer und klatschen uns Beifall. Ich setzte mich auf den roten Teppich und brauchte einen Moment für mich. Was für ein Gefühl!

Um mich herum das beste Team, das man sich nur wünschen konnte. Dazu die tollen Helfer der Walser Trail Challenge. Der Tag lief alles andere als perfekt für mich – und vielleicht hat ihn gerade das so perfekt gemacht!

Ein paar abschließende Gedanken:

Der Walser Ultra Trail war schon bei seiner ersten Austragung ein großartiges Ereignis. Perfekt ausgewiesene Strecken, gut ausgestattete und positionierte Verpflegungsstellen, freundliche Bergretter sowie tolle und wahnsinnig nette Helfer! Top!

Das durchwachsene Wetter und die epochale Schlammschlacht sind nicht beeinflussbar. Schade nur, dass vielen Läufern dadurch die sensationelle Bergwelt vorenthalten wurde, durch die wir / sie mehrere Stunden lang gelaufen sind.

Natürlich ärgere ich mich sehr über meinen Fehler mit dem ISO-Getränk. Welche Zeit wäre möglich gewesen, wenn ich das nicht getrunken hätte. Vielleicht wäre ich trotzdem eingebrochen, vielleicht auch nicht. Konjunktive zählen aber nicht – es ist wie es ist. Ärgern. Lernen. Weitermachen.

Gratulation an alle Finisher. Von 121 angemeldeten Teilnehmern, kamen 76 im Ziel an. Es war wohl nicht nur für mich hart. Herzliche Gratulation an meine beiden mehrstündigen Begleiter Nina und Philip – dank Euch haben die vielen harten Stunden ein sympathisches Gesicht bekommen. Dankeschön dafür!

Ich kann mich gar nicht genug bei Ralf, Petra, Maria und Peter für ihren fantastischen Support und die schönen Fotos bedanken. Ihr habt dieses Erlebnis zu einem unvergesslichen gemacht. Den ‚Zieleingang‘ werde ich niemals vergessen. Herzlichen Dank!

Für mich war es in vielerlei Hinsicht eine einmalige Erfahrung. Welch‘ enormes Privileg, an einer solchen Veranstaltung teilnehmen zu können, sie mit den oben genannten Menschen zu teilen und es ins Ziel zu schaffen. Sie stimmt mich demütig und dankbar zugleich. Und glücklich.

Bilder

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Strecke

[15:45 STD – 66 KM – 4.200 HM]

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